Glossar

Marseille-Tarot

Kurz gesagt

Marseille-Tarot ist eine historische Familie von Tarotdecks mit 78 Karten und vier Farben. Die Zahlenkarten zeigen vor allem angeordnete Farbzeichen statt der erzählenden Szenen des Rider–Waite–Smith-Tarots. Beim Deuten verbindest du Zahl, Farbe und Bildaufbau mit der Frage und den benachbarten Karten.

Was ist Marseille-Tarot?

Marseille-Tarot, auch Tarot de Marseille, ist eine historische Tarotfamilie mit 78 Karten, deren Zahlenkarten hauptsächlich Farbzeichen und Ornamente statt ausgemalter Alltagsszenen zeigen. Mehrere Kartenmacher und spätere Bearbeitungen teilen dieses Grundmuster. Der französische Name bezeichnet deshalb eine Bildtradition und nicht nur ein einzelnes Spiel aus einer einzigen Werkstatt.

Die 22 Hauptkarten umfassen 21 nummerierte Trümpfe und den Narren. Dazu kommen 56 Karten in vier Farben, jeweils vom Ass bis zur Zehn sowie Bube, Ritter, Königin und König. „Farbe“ meint hier die Kartengruppe: Die französischen Bezeichnungen lauten Coupes für Kelche, Deniers für Münzen, Épées für Schwerter und Bâtons für Stäbe.

Einige Unterschiede helfen dir beim Wechsel zwischen den Decks. Die Schreibweise französischer Namen und einzelne Bildmerkmale variieren je nach Ausgabe; die Gegenüberstellung zeigt das verbreitete Grundmuster.

Merkmal Marseille-Tarot Rider–Waite–Smith-Tarot
Narr Le Mat, gewöhnlich ohne Nummer Der Narr, 0
Karte II La Papesse, die Päpstin Die Hohepriesterin
Karte V Le Pape, der Papst Der Hierophant
Gerechtigkeit VIII XI
Kraft XI VIII
Karte XIII Häufig ohne gedruckten Namen Der Tod
Karte XVI La Maison Dieu Der Turm
Zahlenkarten Anordnung der Farbzeichen Überwiegend erzählende Szenen

Die Vier der Münzen verlangt damit zunächst einen Blick auf vier Münzzeichen und ihre Anordnung. Die bekannte RWS-Figur, die Münzen festhält, gehört zu einer anderen Darstellung. Bei einer Frage nach Ordnung kannst du die Vier als festen Rahmen lesen und die Münzen auf Material, Zeit oder verfügbare Mittel beziehen.

Französische Werkstätten und spätere Lesetraditionen

Der Ortsname Marseille verweist auf ein wichtiges Herstellungszentrum, doch das Muster überschreitet dessen Stadtgrenzen. Die Bibliothèque nationale de France bewahrt ein vollständiges Spiel Jean Dodals aus Lyon, das sie zwischen 1701 und 1715 datiert. Seine 78 Karten entstanden als Holzschnitte mit Schablonenkolorierung; das ist eine Aussage über dieses erhaltene Spiel, nicht über jede heutige Marseille-Ausgabe.

Die BnF beschreibt außerdem ein Spiel Philippe Vachiers aus Marseille mit der Jahreszahl 1639, das im Dezember 2025 in ihre Sammlung gelangte. Solche Bestände zeigen, wie weit die Geschichte des Musters vor moderne Tarotratgeber zurückreicht. Die Karten dienten ursprünglich dem Spiel; ihre spätere esoterische Auslegung und heutige Nutzung zur Selbstreflexion gehören zu weiteren Stationen dieser Geschichte.

Eine neu gedruckte Ausgabe kann historische Formen nachzeichnen und zugleich ein zeitgenössisches Begleitheft besitzen. Die Deutung von Zahlen als Entwicklungsschritten oder von Blickrichtungen als Beziehungen zwischen Karten ist eine Lesekonvention. Sie lässt sich praktisch erproben, ohne daraus die ursprüngliche Absicht eines Kartenmachers abzuleiten. Beim Lernen ist deshalb hilfreich, die Geschichte des Bildes und die Anleitung deiner Ausgabe auseinanderzuhalten.

Mit Zahlen, Farben und Nachbarschaften arbeiten

Die Ausgabe kennenlernen. Ordne zuerst die Hauptkarten nach Namen und Nummern und sieh dir anschließend jede Farbe vom Ass bis zur Zehn an. Notiere, welche Karten reine Zeichenanordnungen verwenden und wo Figuren hinzukommen. So bemerkst du Unterschiede, bevor eine vertraute Beschreibung aus einem anderen Deck den eigenen Blick ersetzt.

Zahl und Farbe zusammenführen. Verwende eine überschaubare Zahlenkonvention, etwa Zwei für ein Gegenüber, Vier für eine feste Struktur und Fünf für eine Störung dieser Struktur. Kelche lenken diese Motive auf Empfindungen und Beziehungen, Schwerter auf Denken und Auseinandersetzung, Stäbe auf Einsatz und Münzen auf das praktisch Verfügbare. Eine Vier beschreibt dann je nach Farbe eine geregelte Zusammenarbeit, einen starren Gedankengang oder eine festgelegte Aufteilung von Mitteln.

Den Aufbau genau beschreiben. Achte auf Wiederholung, Abstand und Symmetrie, soweit sie auf deiner Karte erkennbar sind. Formuliere erst eine Beobachtung und danach die Verbindung zur Frage: Ein geschlossen wirkendes Muster kann etwa zu einer bereits festgelegten Arbeitsweise passen. Die Deutung entsteht durch diesen Vergleich; aus einer einzelnen Verzierung ergibt sich keine zwingende Nachricht.

Die Reihenfolge zum Lesen nutzen. Gib drei Karten beispielsweise die Rollen Ausgangslage, Schwierigkeit und eigener Beitrag. Lies jede Karte in ihrer Rolle und fasse anschließend den Zusammenhang in einem Satz zusammen. Eine starre Ordnung beim Herrscher verlangt als Schwierigkeit mehr Beweglichkeit, während dieselbe Ordnung als eigener Beitrag eine klare Zuständigkeit bezeichnet.

Hofkarten als Handlungsweisen prüfen. Beim Buben kannst du Lernen, beim Ritter die Umsetzung eines Vorhabens, bei der Königin den Umgang mit einer Farbe und beim König deren verantwortliche Führung untersuchen. Die jeweilige Frage zeigt, ob eine Person oder dein eigenes Vorgehen gemeint ist. Halte am Ende eine nachvollziehbare Handlung fest, etwa eine Aufgabenverteilung zu besprechen, statt aus Rang oder Geschlecht der Figur eine bestimmte Person festzulegen.

Vier Lesesituationen mit dem Marseille-Muster

Eine gemeinsame Werkstatt organisieren. Für Ausgangslage, Schwierigkeit und eigenen Beitrag liegen der Herrscher, die Gerechtigkeit und die Mäßigkeit. Ein fester Ablauf besteht bereits, doch sein Maßstab verteilt die Arbeit ungleich; dein Beitrag liegt in einer besser abgestimmten Aufteilung. Vergleiche deshalb die tatsächlich übernommenen Aufgaben und formuliere einen Vorschlag, der unterschiedliche verfügbare Zeiten berücksichtigt.

Material für einen Zeichenkurs. Du liest die Vier der Münzen als Rahmen und den Buben der Stäbe als Versuchslust. Vorhandenes Material begrenzt das Vorhaben, während der Bube zum Ausprobieren einer überschaubaren Idee passt. Wähle eine Übung, für die deine Mittel ausreichen, und beschreibe danach, was du damit ausprobieren konntest und was noch fehlte.

Ein Ende trotz aufmunternder Begleitung. Karte XIII steht für ein bereits beendetes Gemeinschaftsprojekt, daneben liegt der Magier als eigener Beitrag. Das Ende bleibt bestehen, während der Magier auf Fähigkeiten verweist, die du aus der Arbeit mitnimmst. Trenne die nicht mehr verfügbare Zusammenarbeit von dem Können, das du weiterhin einsetzen kannst, und benenne eine konkrete Anwendung dafür.

Eine vertraute Bedeutung ohne vertraute Szene. Bei der Drei der Schwerter denkst du sofort an das durchbohrte Herz des RWS-Tarots, hast aber eine Marseille-Zahlenkarte vor dir. Beschreibe zunächst die tatsächlichen Farbzeichen und prüfe die Drei zusammen mit der Schwerterthematik deiner Frage. In einer Diskussion über drei widersprüchliche Vorschläge kann der Schwerpunkt auf deren gedanklicher Unvereinbarkeit liegen; fasse die Unterschiede zusammen, bevor du die Karte als persönlichen Liebeskummer auslegst.

Häufige Fragen

Ist Marseille-Tarot das ursprüngliche Tarot?

Marseille-Tarot bezeichnet eine historische Bildfamilie, nicht einen nachgewiesenen Urentwurf aller Tarotkarten. Ihr Name umfasst auch Decks aus anderen französischen Städten, etwa das in Lyon hergestellte Spiel Jean Dodals. Eine historische Vorlage und eine heutige Neuzeichnung gehören zur selben Familie, ohne in jedem Detail identisch zu sein.

Weshalb stehen Gerechtigkeit und Kraft an anderen Stellen?

Die Marseille-Reihenfolge führt die Gerechtigkeit als VIII und die Kraft als XI. Im Rider–Waite–Smith-Tarot stehen sie umgekehrt: Kraft auf VIII, Gerechtigkeit auf XI. Ordne beim Nachschlagen zuerst den Kartennamen zu; die Zahl allein führt sonst zur falschen Beschreibung.

Muss ich für die Zahlenkarten alle Bedeutungen neu lernen?

Du brauchst einen Zugang, der zur Darstellung passt. Zahlenmotive und die Bereiche der vier Farben lassen sich verbinden, während eine Deutung aus einer bestimmten RWS-Szene deren Bild voraussetzt. Schreibe zunächst auf, was Zahl und Farbe zu deiner Frage beitragen, und ergänze anschließend den sichtbaren Aufbau deiner Ausgabe.

Gehören umgekehrte Karten zwingend dazu?

Nein, eine Marseille-Legung kann ausschließlich aufrechte Karten verwenden. Wenn du Umkehrungen einbeziehst, lege vor dem Mischen fest, welche Rolle sie erhalten. Auch dann bestimmen Thema, Position und Nachbarschaft die Auslegung; eine Drehung macht aus jeder Karte weder automatisch ihr Gegenteil noch eine schlechte Nachricht.

Warum trägt Karte XIII manchmal keinen Namen?

Bei vielen Marseille-Ausgaben bleibt das Namensfeld dieser Karte leer. Die Zahl XIII ermöglicht trotzdem die Zuordnung zu der Karte, die im RWS-Tarot Tod heißt. Im Deuten bleiben Abschied, Trennung von Bisherigem und ein einschneidendes Ende gewichtige Themen; die fehlende Beschriftung verwandelt sie nicht in eine Vorhersage körperlichen Todes.

Die Deutungen von Larisa Tarot dienen der persönlichen Bewusstwerdung, der Selbstreflexion und der Unterhaltung. Sie enthalten keine Gewissheit, keine Garantie für die Zukunft und kein Versprechen eines bestimmten Ergebnisses.